Kollektiv · 4 Minuten

Um drei Uhr ist die Küche politisch

Eine Gemeinschaftsküche hat keine Bühne. Sie hat Töpfe, Listen und die Frage, wer abspült.

Dienstag, kurz vor Mitternacht. Der große Topf ist noch warm. An der Tafel steht, wer welche Schicht hat, und daneben, in kleinerer Schrift, wer ausgefallen ist. Das ist die ganze Theorie.

Im Kollektiv wird gern über Haltung gesprochen. Haltung ist billig, solange sie im Satz bleibt. In der Küche wird sie konkret: Wer kommt, wenn es regnet. Wer die Zwiebeln schneidet, ohne dass es jemand sieht. Wer das Rezept ändert, weil drei Leute kein Fleisch essen und eine Person keine Nüsse verträgt, und trotzdem soll es satt machen.

Der Raum ist ein ehemaliges Ladenlokal mit zu vielen Stühlen und einer Spüle, die nur heiß wird, wenn man vorher den Hahn bittet. Es riecht nach Knoblauch und nassem Geschirrhandtuch. Jemand hat eine Playlist angemacht, die niemand verteidigen würde. Genau so soll es sein. Eine Küche, die sich für ein Foto herrichtet, kocht meistens für das Foto.

Haltung ist billig, solange sie im Satz bleibt.

Um drei Uhr ist niemand mehr fürs Bild da. Der Boden klebt ein bisschen. Im Topf ist noch eine Kelle für die, die später kommen, weil die Bahn nicht fuhr oder die Schicht im Lager länger dauerte. Genau da entscheidet sich, ob ein Kollektiv ein Kreis mit guten Absichten ist oder ein Ort, an dem Leute verlässlich essen.

Wir romantisieren das nicht. Kochen für andere ist Arbeit. Sie wird unsichtbar, sobald sie funktioniert. Deshalb schreiben wir die Schichten an die Wand, nicht in eine Broschüre. Die Wand lügt schlechter. Ein Name, der drei Wochen fehlt, fällt auf, auch ohne dass jemand eine Rede hält.

Wer neu dazukommt, fragt oft, wo die Politik bleibt. Sie steht auf dem Zettel neben dem Herd. Sie steht in der Frage, wer den Schlüssel hat, wenn die Letzte geht. Und sie steht darin, dass am nächsten Dienstag wieder jemand die Zwiebeln schneidet, auch wenn der Text über die Küche längst online ist und niemand ihn beim Kochen liest.